02. 07. 2026
Verfasst von: Katharina Nabel, Kristin Huß
Herr Alz tischt auf
Was bedeutet es, mit einer Demenzerkrankung zu leben? Auf welche Bewältigungsformen und Ressourcen greifen Betroffene im Krankheitsprozess zurück? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forschungsprojekt „Spiel und Vergessen“ der Jade Hochschule und des Büros für Eskapismus. Forschende der Jade Hochschule entwickeln das Spiel „Herr Alz tischt auf“. Damit können sich Angehörige, Begleit- und Pflegepersonen von Menschen mit Demenz dieser ernsten Thematik spielerisch nähern und leichter Verständnis entwickeln.
Spielerischer Zugang zum Alltag von Menschen mit Demenz
Einige digitale Angebote im Bereich Demenz existieren bereits – von Computerspielen bis zu Simulationen. Im Studiengang Public Health an der Jade Hochschule gibt es einen Demenzsimulator, der Studierenden einen Zugang zum Thema ermöglicht. Doch Dr. Kristin Huß, die im Bereich Demenz am Campus Oldenburg forscht und dazu promoviert hat, wollte einen anderen Weg gehen und fragte sich: „Was soll ein gutes Spiel zu Demenz leisten? Welche Erfahrung soll es ermöglichen?“ Kristin Huß und ihr Team probierten viele Spielformate aus und entwickelten daraufhin eigene Bewertungskriterien. Die Ideen reichten vom interaktiven Theater bis hin zum Krimidinner. Es entstanden 15 unterschiedliche Prototypen. Am Ende setzte sich das analoge Brettspiel „Herr Alz tischt auf“ durch: Es ist niedrigschwellig, leicht zugänglich und lässt sich gemeinschaftlich spielen.
Ein Spiel über Stärken und Herausforderungen
Im Zentrum des Spiels steht eine Alltagssituation: Eine Person mit Demenz möchte ihr Wunschbrot bestellen. Doch „Herr Alz“ als personifizierte Krankheit Alzheimer legt ihr immer wieder Steine in den Weg. Erinnerungslücken Desorientierung oder sprachliche Hürden erschweren die Kommunikation. Die Spielenden übernehmen die unterschiedlichen Rollen von „Herrn Alz“, einer Pflegekraft und einer an Demenz erkrankten Person. Ziel ist es, dass die betroffene Person trotz Hindernissen mithilfe der eigenen Ressourcen zu ihrem Wunschbrot kommt. „Genau diese individuellen Stärken entscheiden im Spiel darüber, wie mit der Erkrankung umgegangen wird“, erklärt Kristin Huß.
Perspektivwechsel fördert Empathie
Die Idee für das Spiel beruht auf praktischen Erfahrungen: Kristin Huß sowie Miriam Wendschoff und David Bakke vom Büro für Eskapismus hospitierten mehrfach in Demenz-Wohngemeinschaften und führten Interviews mit Menschen mit Demenz. Zum Beispiel konnten die Bewohnerinnen und Bewohner dort ihren Brotbelag mitbestimmen. Manche äußerten ihre Wünsche klar, andere weniger deutlich. Einige fanden kreative Lösungen für ihre Wissenslücken. „Diese Vielfalt im Umgang mit der Erkrankung prägt auch das Spiel“, resümiert Kristin Huß. „Wer selbst erlebt, wie es ist, wenn Gedanken durcheinandergeraten oder Kommunikation erschwert wird, entwickelt ein anderes Verständnis für Betroffene.“ So fördert das Spiel Empathie und zeigt gleichzeitig, dass Selbstwirksamkeit möglich bleibt, wenn auch auf andere Weise.
Das Projekt wurde von pro Niedersachsen durch Mittel aus zukunft.niedersachsen gefördert und mit dem Gesundheits-Award der Metropolregion Nordwest ausgezeichnet. Das Spiel soll nach Projektende weiterentwickelt und Interessierten zugänglich gemacht werden. Das Spiel richtet sich an Personen aus dem gesamten gesundheitsbezogenen Versorgungsbereich und generell an Menschen, die etwas über Demenz erfahren wollen.
Hier finden Sie weitere Informationen:
- Herr Alz tischt auf, Jade Newsroom
- Spiel und Vergessen, Büro für Eskapismus
- Empathie entwickeln: Ein Serious Game zum Krankheitserleben von Menschen mit Demenz, De Gruyter Brill
26121 Oldenburg
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