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Bildungsregion Lüneburg will Schule verändern

10. 02. 2026
Verfasst von: Leuphana Innovation Community Schulentwicklung und Leadership

Bildungsregion Lüneburg will Schule verändern

Eine Frau mit braunen langen Haaren lächelt in die Kamera, hinter ihr verschwommene herbstlich leuchtende Pflanzen. © Leuphana Media Studio
Sie fordert einen Perspektivwechsel und Mut, um Schule inklusiver zu gestalten: Prof. Dr. Simone Abels, Vizepräsidentin für Graduate School, Qualitätsentwicklung und Lehrkräftebildung an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie gehört auch zur wissenschaftlichen Leitung der Innovation Community Schulentwicklung und Leadership.

Schule zukunftsfähig gestalten – mit diesem Ziel arbeiten die Leuphana Innovation Community Schulentwicklung und Leadership und der Landkreis Lüneburg gemeinsam an der Bildungsregion Lüneburg. Anhand empirischer Forschungsergebnisse soll das System Schule zum Beispiel inklusiver werden. Dafür brauche es einen Perspektivwechsel und den Mut, gemeinsam Schule neu auszurichten, meint Prof. Dr. Simone Abels, Expertin für inklusiven Unterricht. Sie spricht mit Julia Valtwies vom Leuphana Kooperationsservice über das Verständnis von Inklusion, über Lernangebote und den Wissenstransfer in die Praxis.

Transformation der Schule aktiv mitgestalten

In einer idealen Welt: Wie sähe Schulentwicklung und -bildung aus, wenn Diversität und Inklusion optimal gelebt würden?

In einer idealen Welt bräuchten wir den Begriff der Inklusion gar nicht, da alle selbstverständlich Teil des Ganzen wären. Häufig genutzte Begriffe wie „Inklusionskinder“ zeigen, wie sehr die Idee von Inklusion immer noch nicht verstanden wird.

Ideale Schulentwicklung würde sich meines Erachtens für das tatsächliche Lernen und für Zukunftskompetenzen interessieren sowie Curricula flexibel an den relevanten Kontexten des 21. Jahrhunderts ausrichten, statt beispielsweise immer noch an Noten, Prüfungen im Gleichschritt, einem veralteten Fächerkanon oder unpassend genutzter Standardisierung von Kompetenzen.

Das Ideal scheint so noch nicht greifbar. Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen?

Neben fehlenden Ressourcen und mangelnder Professionalisierung ist vor allem die Haltung aller beteiligten Akteurinnen und Akteure entscheidend, wie zahlreiche Studien belegen. Dabei sehe ich ein großes Problem in unserem Inklusionsverständnis. Wir argumentieren viel zu personenzentriert statt systemisch.

Ein paar Beispiele: Erscheinen die Ergebnisse großer Schulleistungsstudien wie PISA, dann titeln die Medien, teilweise aber auch wissenschaftliche Beiträge: „Deutsche Schüler schneiden so schlecht ab wie nie“. Dabei evaluieren diese Studien eigentlich die Leistung der Bildungssysteme im internationalen Vergleich.

Oder betrachten wir das Thema Unterrichtsstörungen in heterogenen Klassenräumen: Meist sind die Schülerinnen und Schüler diejenigen, die als störend deklariert werden, anstatt sich anzuschauen, ob die Lernumgebung eigentlich anregend und lernförderlich gestaltet ist.

Was braucht es denn, um diese Herausforderungen zu überwinden?

Als Naturwissenschaftsdidaktikerin liegt mein Fokus besonders auf Fachlehrkräften. Wir arbeiten derzeit daran, die Perspektive der Lehrenden zu verändern. Es macht einen großen Unterschied, ob ich sage, du kannst die Fachsprache nicht, oder ob ich zugebe, dass Fachsprache etwas hoch Anforderungsvolles ist und dann Zugänge schaffe, die allen Schülerinnen und Schülern helfen.

Das Setting, der Raum, das Lernangebot sind hier entscheidend und adaptiv gestaltbar. Wir differenzieren nicht auf diagnostizierte Lernvoraussetzungen hin – das würde die Schülerinnen und Schüler nur unnötig stigmatisieren. Wir gestalten das Lernangebot zugänglich. Und unsere Lernbegleitung fokussiert sich auf die Barrieren, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand zeigen.

Zitat: Wir schaffen Begegnungsräume zu den wichtigsten Themen der Schulentwicklung: KI, Nachhaltigkeit, Demokratie, Diversität. So können Wissenschaft und Schulpraxis voneinander lernen und sich gegenseitig bereichern.

Wo steht Lüneburg diesbezüglich gerade und welche Chancen sehen Sie für die Region?

Lüneburg hat sich als Bildungsregion gemeinsam auf den Weg gemacht, Schule zu verändern. Akteure aus Stadt und Landkreis stehen mit uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Leuphana, mit Politik, Eltern- und Schülervertretungen in engem Kontakt, um Schülerinnen und Schülern bestmögliche Lernumgebungen zu bieten und gleichzeitig Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende zu entlasten.

Die Leuphana Innovation Community Schulentwicklung und Leadership schafft Begegnungsräume zu den wichtigsten Themen der Schulentwicklung: KI, Nachhaltigkeit, Demokratie, Diversität. So können Wissenschaft und Schulpraxis voneinander lernen und sich gegenseitig bereichern.

Diese Zusammenarbeit ist ein großer Fortschritt. Wer wirklich etwas bewegen wollte, konnte dies über lange Zeit nur durch „Ungehorsam“ dem System gegenüber. Das muss ein Ende haben, Evidenzen der empirischen Bildungsforschung müssen ernst genommen werden, um sinnhaft Schule zu entwickeln.

Sie haben die Zusammenarbeit von Schule und Universität schon angesprochen. Wie kann Wissenschaft konkret unterstützen, die Probleme an Schulen zu lösen?

Auf Basis belastbarer empirischer Forschungsergebnisse können wir die Bildungspolitik, Seminarleitungen der 2. Phase, Schulleitungen und Lehrkräfte beraten. Unsere Arbeit wäre sehr viel wirksamer, wenn das Kultusministerium, die Regionalen Landesämter für Schule und Bildung (RLSB) und die Schulen mit uns auf ein Data Warehouse zugreifen würden, um evidenzbasierte Schulentwicklung in Niedersachsen zu betreiben.

Derzeit beobachten wir hoch engagierte Schulen, die sich transformieren wollen, dies aber nach einem Trial-and-Error-Prinzip tun. So dauern Prozesse bis zu 20 Jahre. Das könnten wir gemeinsam abkürzen. Dafür müssen Politik, Wissenschaft und Praxis gemeinsam agieren, um das System zu verändern und Schülerinnen und Schüler als die tollen Persönlichkeiten wertzuschätzen, die sie sind.

 

Hier finden Sie weitere Informationen:

Leuphana Innovation Community Schulentwicklung und Leadership
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Leuphana Universität Lüneburg, Wissenstransfer
Address
Universitätsallee 1
21335 Lüneburg
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