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Von Leiterplatten zu Windrotoren – chemisches Recycling

17. 02. 2026
Verfasst von: Dieter E. Kaufmann

Von Leiterplatten zu Windrotoren – chemisches Recycling

Das Bild zeigt geschredderte Leiterplatten mit elektronischen Bauteilen und drei getrennte Häufchen aus Kupferspänen, Gewebeteilen aus Glasfasern und hellen Kügelchen. © Christoff Brüdigam, TUC
Mit einem neuen Verfahren gelingt das vollständige chemische Recycling von Epoxidharzkompositen, die in vielen Hightech-Werkstoffen verbaut sind. Hier sind Leiterplatten in ihre Bestandteile Kupfer, Glasfaser und das Monomer BPA aufgespalten.

Seit rund 100 Jahren lebt die Menschheit in einer industriellen Kunststoffzeit. Viele Kunststoffe werden nur sehr langsam biologisch abgebaut. Zunehmend gelangen sie als Mikro- und Nanoplastik in die gesamte Nahrungskette bis zum menschlichen Endverbraucher. Umso wichtiger ist es, Materialien in der Kreislaufwirtschaft wieder zu verwenden. Ein Forschungsteam der Technischen Universität Clausthal hat mit einem Praxispartner den weltweit ersten Prozess für das vollständige chemische Recycling von Epoxidharzkompositen entwickelt und patentiert.

Duromere Werkstoffe vollständig recyceln

Recycling ist ein zentraler Baustein der Kreislaufwirtschaft. Das mechanische Recycling gelingt bereits in großem Umfang bei neuwertigen, thermoplastischen Polymeren, etwa bei Getränkeflaschen (PET). Befinden sich jedoch polymere Materialien über viele Jahre in Gebrauch, verschlechtern Abbau- und Oxidationsprozesse die Materialeigenschaften, so dass sie sich nicht mehr für die ursprüngliche Verwendung eignen (Downcycling). Das gilt in besonderem Maße für duromere und damit unschmelzbare Epoxidharzverbundmaterialien mit Carbon- oder Glasfasern. Diese Hightech-Werkstoffe werden zum Beispiel als mechanisch verstärkte Materialien in der Luftfahrt-, Fahrzeug- und Windenergieindustrie sowie in Sport und Freizeit verwendet.

Windenergieanlagen in Kulturlandschaft © Gonz DDL, Unsplash
Verbundmaterialien mit Carbon- oder Glasfasern verstärken viele Hightech-Werkstoffe, zum Beispiel bei Windrotoren. Sie erschweren das Recycling.

Materialien in Ausgangsstoffe zurückspalten

„In diesem Fall können die Polymermaterialien nur durch chemisches Recycling selektiv in ihre Ausgangsstoffe zurückgespalten werden“, sagt Prof. Dr. Dieter E. Kaufmann von der TU Clausthal. „Mit diesem Upcycling gewinnen wir neuwertige Basisstoffe.“ Sein Team vom Institut für Organische Chemie hat gemeinsam mit der MPM Environment Intelligence GmbH, einem mittelständischen Recycler von Leiterplatten aus dem niedersächsischen Gittelde, den weltweit ersten chemischen Eintopf-Prozess für das vollständige chemische Recycling von Epoxidharzkompositen entwickelt. Beteiligt waren die Forschenden Dr. Viktor A. Zapol’skii, Mariia Babkova und Christoff Brüdigam sowie Felix Kolbe von MPM. Der Bund hat das Projekt im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) gefördert.

Vier Personen mit gelben Warnwesten stehen vor einer Halde mit Metallschrott und schauen in die Kamera. © Dieter E. Kaufmann, TUC
Die Forschungspartner Prof. Dr. Dieter E. Kaufmann (von links), Mariia Babkova, Felix Kolbe und Christoff Brüdigam stehen vor einer Halde elektronischer Geräte der Firma MPM in Gittelde.

Milde Druck- und Temperaturbedingungen

Das vollständige Recycling aller Monomere und Fasern gelingt, indem der Vernetzer abgespalten und eine Etherbindung des Polymers mit Bortrichlorid unter relativ milden Druck- und Temperaturbedingungen gespalten wird. „Neben Leiterplatten lassen sich mit diesem Prozess Epoxidharzkomposite von Flugzeugen, Fahrzeugen und Windturbinen recyceln“, berichtet Projektleiter Dieter E. Kaufmann. „Auch das eingesetzte chemische Spaltungsreagenz Bortrichlorid kann vollständig recycelt und erneut im Prozess verwendet werden.“ Das Verfahren meldeten die TU Clausthal und MPM gemeinsam in Deutschland, Europa, den USA und China zum Patent an. Alle Patente wurden inzwischen erteilt.

Die Grafik skizziert den Produktionsweg von den Monomeren BPA und ECH über Polymere, die mit Carbon- oder Glasfasern zu Duromeren vernetzt werden. Das Recycling führt diesen Weg zurück zu den Ausgangsstoffen. © Dieter E. Kaufmann, TUC
Die Kooperationspartner haben einen Kreislaufprozess entwickelt: In der Produktion werden die Ausgangsstoffe Bisphenol A (BPA) und Epichlorhydrin (ECH) zu Polymeren und schließlich zu carbon- oder glasfaserverstärkten Duromeren (C/GFK) verbunden. Diese werden beim chemischen Recycling wieder in ihre Ausgangsstoffe zurückgespalten.

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Redaktioneller Hinweis: Dieser Text steht unter der CC BY 3.0 DE-Lizenz
Zitation: Kaufmann, D. E. (2026). Von Leiterplatten zu Windrotoren – chemisches Recycling. TI-Magazin (Technologie-Informationen), „ti“ 3/2025: Transfer in die Praxis. https://doi.org/10.60479/BR40-CY64
Portraitfoto
Prof. (i.R.) Dr. Dieter E. Kaufmann
Adresse
Technische Universität Clausthal
Institut für Organische Chemie
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Prof. (i.R.) Dr. Dieter E. Kaufmann
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Technische Universität Clausthal
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Technische Universität Clausthal, Servicezentrum für Forschung und Transfer
Adresse
Adolph-Roemer-Straße 2a
38678 Clausthal-Zellerfeld
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