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22. 02. 2022
Verfasst von: Christina Amrhein-Bläser

Übernehmen Software-Agenten Ackerbau und Viehzucht?

Die Grafik zeigt einen Traktor ohne Fahrer und Drohnen, die über ein Feld fliegen. © Agenturbild
Für eine vollständig automatisierte Landwirtschaft sind die meisten notwendigen Technologien vorhanden. Vielleicht setzt sich diese Idee nur in Teilbereichen durch, doch Prof. Dr. Michael Clasen mahnt eine rasche gesellschaftliche Diskussion an, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein.

Bestellt sich der Acker künftig selbst? Mit dieser visionären Frage entwirft Prof. Dr. Michael Clasen ein Szenario von der Landwirtschaft der Zukunft, in der hochgradig digitalisierte Produktionssysteme die Aufgaben von Landwirtinnen und Landwirten vollständig übernehmen. Der Experte für Agrarinformatik und E-Business der Hochschule Hannover, der sich auch privat für Technik und Naturräume begeistert, wirft ein Schlaglicht auf technologische Möglichkeiten, Risiken und Chancen. Er mahnt einen gesellschaftspolitischen Diskurs an, um diese Entwicklung aktiv zu gestalten.

„Die notwendigen Technologien sind bereits vorhanden“

Prof. Clasen, Sie haben eine Vision entworfen, in der die Mechanismen der Industrie 4.0 auf die Landwirtschaft übertragen werden. Wie funktioniert Farming 4.0?

Am Beginn eines Wirtschaftsjahres legt der Landwirt fest, wo welche Früchte angebaut und welche Mengen an Milch oder Fleisch produziert werden sollen. Eine Planungssoftware schlägt auf Basis aller im Internet verfügbaren Prognosedaten einen ökonomisch sinnvollen Anbauplan vor, den der Landwirt anpasst und zur Produktion freigibt. Um die Umsetzung dieses Produktionsplanes kümmert sich nun das jeweilige Produktionssystem eigenständig über sogenannte Software-Agenten. Ein Feld beziehungsweise sein Software-Agent könnte beispielsweise Wetterprognosen aus dem Internet nutzen, um den richtigen Termin für die Einsaat festzulegen. Zusätzlich schickt er aber sicherheitshalber eine Drohne zum Feld, die die Feuchtigkeit auf dem Acker misst. Das Feld bucht dann über digitale Marktplätze eine Drillmaschine. Ihr Software-Agent ist nun dafür zuständig, das richtige Saatgut in ausreichender Menge und Qualität einzukaufen.

Wie realistisch ist ein solches Szenario?

Ein Szenario wie dieses klingt nach Science-Fiction, und vermutlich fallen jedem praktizierenden Landwirt sofort mehr als 20 Argumente ein, warum dies niemals Realität werden kann. Und in der Tat können ein großer Stein im Boden, ein festgefahrener Maishäcksler oder Verständnisschwierigkeiten zwischen nicht kompatiblen Maschinen Produktionssysteme wie diese abrupt zum Stehen bringen. Dennoch spricht einiges dafür, dass diese Probleme nach und nach gelöst werden. So sind die meisten notwendigen Technologien prinzipiell vorhanden. Im Bereich der vorausschauenden Wartung zum Beispiel kann ein Ackerschlepper schon heute den Wartungsdienst selbstständig ordern. Ein bedeutender Treiber für selbststeuernde Systeme ist der rasante Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz.

Wann könnte die vollständig automatisierte Landwirtschaft Realität werden?

Das ist schwer vorherzusagen. Wer es dennoch versucht, sieht sich im Nachhinein häufig dem Spott derer ausgeliefert, die es immer schon besser wussten. Dennoch sollte man auf die Zukunft vorbereitet sein. Typisch für Entwicklungsprozesse mit starkem IT-Bezug ist ihr exponentieller Verlauf. Fortschritte stellen sich anfangs nur sehr langsam ein, entwickeln sich dann aber ab einem kritischen Punkt nahezu explosionsartig. Dies hat den fatalen Nebeneffekt, dass Kritiker anfangs lange Recht behalten und sich viele in einer trügerischen Sicherheit wähnen, dass wohl doch alles beim Alten bleiben werde. Wenn sich dann aber die neue Technologie schlagartig durchsetzt, ist es für eine ökonomische Reaktion meist zu spät.

Portraitfoto © Hochschule Hannover
Der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dr. Michael Clasen prognostiziert, dass sich die Landwirtschaft durch selbststeuernde Produktionssysteme stärker ändern wird als jemals zuvor.

Welche Risiken und Chancen sehen Sie in dieser Entwicklung?

Sollte sich das oben geschilderte Szenario als richtig erweisen, wären die Auswirkungen auf landwirtschaftliche Berufe, den ländlichen Raum und die Gesellschaft gravierend. Landwirte werden in einem solchen Szenario kaum noch operativ tätig sein, sondern sich überwiegend mit strategischen Entscheidungen und Zielvorgaben auseinandersetzen. Sie werden von Dokumentationsaufgaben entlastet, die vollständig automatisiert erfolgen. Die Produktionsprozesse werden für jedermann transparent sein und politische Zielvorgaben werden vollständig umgesetzt. In einer Zwischenphase werden Landwirte vermutlich als mobile Problemlöser immer dann einspringen, wenn das hochautomatisierte Produktionssystem in einer Ausnahmesituation alleine nicht weiterkommt.

Internet-Konzerne werden die intelligente Agenten-Software zum autonomen Management landwirtschaftlicher Betriebe kostenlos zur Verfügung stellen und die anfallenden Daten verwerten. Die Nutzung dieser digitalen Betriebsleiter ermöglicht es dann auch Eigentümern von kleineren, bisher verpachteten Flächen, ihre Schläge künftig wieder selbst zu bewirtschaften. Pachtflächen könnten ein Auslaufmodell sein.

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung zur derzeitigen Entwicklung in Richtung vollständig automatisierte Agrarbetriebe?

Wie so oft, wird sich die Idee wohl in Teilbereichen durchsetzen, in anderen aber nicht. Dennoch sollten wir jetzt eine gesellschaftliche Diskussion zu diesem Thema führen, um die gravierendsten Auswirkungen dieser Entwicklungen abzumildern. Auf globalen Absatzmärkten wird ein Anbieter seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn er auf Kostensenkungspotenziale durch weitere Automatisierung verzichtet, zumal dies aus Verbrauchersicht durchaus wünschenswert ist. Beim technologischen Fortschritt geben nicht deutsche Universitäten oder die Europäische Kommission den Takt vor, sondern vor allem die großen IT-Unternehmen wie Google, IBM und Co. Die Einflussmöglichkeiten nationaler Verbände und Politik werden somit beschränkt sein.

 

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Prof. Dr. Michael Clasen
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Fakultät IV, Abteilung Wirtschaftsinformatik
Hochschule Hannover
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Expo Plaza 3
30539 Hannover
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