25. 11. 2025
Verfasst von: Elke Wilharm, Christina Amrhein-Bläser
Bioökonomie – wer wirft schon Zucker in den Müll?
Toilettengespräche handeln wohl eher selten von Forschung. Und Bioökonomie ist auch nicht gerade ein Thema für Small-Talk. Doch einem wissenschaftlichen Team der Ostfalia Hochschule gelingt es, „Forschung zum Anfassen“ im wahrsten Sinne des Wortes umzusetzen. In Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen informiert es Gäste und Personal über die Verwertung von Papierhandtüchern: Aus dem Papierabfall gewinnt das Forschungsteam Zucker als wertvollen Rohstoff für neue Produkte. Und dabei können alle mithelfen.
Forschung zum Anfassen im Waschraum
Bioökonomie – was ist das? Und was geht mich das an? Solche Reaktionen haben die Forscherinnen im Institut für Biotechnologie und Umweltforschung häufig gehört. Im Projekt „Cell2Cell“ entwickeln sie Verfahren, um gebrauchte Papierhandtücher wieder zu verwerten. Jährlich werden zirka 70.000 Tonnen Handtuchpapier in Deutschland weggeworfen und mit dem Restmüll verbrannt. Ein Recycling lohnt sich bisher noch nicht. Dabei bestehen Papierhandtücher überwiegend aus Zellulose, einem Polysaccharid, das spezielle Enzyme in den Einfachzucker Glucose zerlegen können. „Wer wirft schon Zucker in den Müll?“, fragt Projektleiterin Prof. Dr. Elke Wilharm und bricht eine Lanze für die Bioökonomie. Aus dem Waschraumabfall erstellt sie eine Zuckerlösung, die Mikroorganismen wie Hefen und Bakterien in eine Vielzahl neuer Wertstoffe konvertieren. Darunter sind auch Ersatzstoffe für fossile Rohstoffe oder Kunststoffe.
Zucker aus Papierhandtuchabfall zurückgewinnen
Um den technischen Prozess aus dem Labor für den Alltag hoch zu skalieren, benötigte das Team um Elke Wilharm, Diana Lorenczyk und Malin Schleicher größere Mengen an gebrauchtem Papier. „Wir starteten eine Informationskampagne und gewannen elf interessierte Einrichtungen in Wolfenbüttel, mit uns zusammenzuarbeiten“, berichtet Elke Wilharm. „Dass Papier aus so viel Zucker besteht und dieser zurückgewonnen werden kann, weckte die Neugier und Lust auf aktive Mitarbeit.“ Das Forschungsteam besuchte die teilnehmenden Behörden, Kitas, Sportvereine, ein Freibad, ein Museum, eine Kirchengemeinde und das THW persönlich, stellte das Projekt vor und besprach die Testsammlung.
Aufklärung motiviert zum Mitmachen
Die Einrichtungs-Leitungen informierten ihre Mitarbeitenden und das Reinigungspersonal, Papierhandtücher getrennt vom sonstigen Betriebsabfall zu sammeln. Dabei stießen die Forscherinnen auf ein Problem: störender Restmüll zwischen den gebrauchten Papiertüchern, den sie per Hand mühsam aussortieren mussten. Einrichtungen, die ihre Gäste im Waschraum mit zusätzlichen Infoschildern darum baten, andere Abfälle als Papierhandtücher zu vermeiden, und mittels QR-Code über die Aktion informierten, reduzierten die Menge an Störstoffen um bis zu 75 Prozent. „Es war sehr ermutigend“, schildert Elke Wilharm ihre Erfahrung, „dass sich Menschen über verständliche Information zum Mitmachen motivieren lassen.“ So ließe sich auch das Prinzip der Bioökonomie, einer biobasierten Kreislaufwirtschaft, sowie Wertschätzung alltäglicher Güter in die Gesellschaft vermitteln.
Hier finden Sie weitere Informationen:
- Vom Zellstoff zum Stoff für Zellen: Upcycling von Handtuchpapier, Wissen hoch N
- Validierungsprojekt Cell2Cell, Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
- Fakultät Versorgungstechnik, Ostfalia, Forschung und Schwerpunkte
- Audio: Gebrauchte Papierhandtücher hochwertig wiederverwerten, Deutschlandfunk
- Podcast Einfach Forschung, Bioökonomie als Ausweg aus der Öl-Abhängigkeit, Folge 10
Institut für Biotechnologie und Umweltforschung
Institut für Biotechnologie und Umweltforschung
38302 Wolfenbüttel
38302 Wolfenbüttel