01. 09. 2025
Verfasst von: Franco Rau, Annekatrin Bock, Lina Franken, Christina Amrhein-Bläser
KI in der Bildung – mehr als ein technisches Werkzeug
KI in der Schule – revolutioniert sie das Lernen oder zerstört sie Denkprozesse? Ein Forschungsteam der Universität Vechta in Kooperation mit der Universität Erlangen-Nürnberg will die kritische Debatte über KI in der Bildung erweitern und neue Perspektiven für die Praxis entwickeln. In Workshops und auf Tagungen können Akteure aus Bildung, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft KI nicht nur kritisch reflektieren, sondern auch einen verantwortungsvollen Einsatz von KI aktiv mitgestalten. Zum Beispiel dienen KI-generierte Bilder dazu, Vorurteile und technische Grenzen zu beleuchten.
KI im Diskurs – Revolution oder Disruption?
Diskussionen über den Einsatz künstlicher Intelligenz im Bildungsbereich erinnern an frühere Debatten über Bildungstechnologien – von Lehrfilmen bis zum Web 2.0 –, die auch mit Skepsis oder großen Erwartungen verbunden waren, jedoch selten zu nachhaltigen Veränderungen führten. Solche Neuerungen wurden oft als Lösungen für komplexe pädagogische Herausforderungen gefeiert, während tiefgreifende Transformationen in der Praxis ausblieben. Wiederholt sich dieses Muster nun? „Rein technikzentrierte Ansätze stoßen in der Bildung schnell an ihre Grenzen und betonen eher die Notwendigkeit, KI in einem breiteren sozialen, kulturellen und ethischen Kontext zu betrachten“, verdeutlicht Prof. Dr. Franco Rau.
Kompetenzen und Reflexionsprozesse fördern
Das Projekt „Beyond Prompting“ an der Universität Vechta setzt genau hier an. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickeln verschiedene Formate, in denen Akteure aus Schule, Hochschule, Erwachsenenbildung und Gesellschaft sowie Fachpublikum der Informatik, Erziehungs-, Medien- und Kulturwissenschaften den KI-Einsatz in der Bildung reflektieren können. Um KI nicht nur als technische Innovation zu verstehen, wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt. „KI ist kein Werkzeug, das Befehle neutral umsetzt, sondern Bildungsinhalte und Lernerfahrungen – ob gewollt oder nicht – mitgestaltet“, erläutert Franco Rau. „Wir können KI auch einsetzen, um kritische Medienkompetenz zu fördern, Reflexionsprozesse und ethische Fragestellungen anzuregen.“
Stereotype KI-Bilder: jung und normschön
Anhand aktueller Text-zu-Bild-Systeme veranschaulicht der Pädagoge zum Beispiel typische Problemstellungen. „Gängige Systeme wie Leonardo AI sollten Bilder einer Beachvolleyballerin erstellen“, erklärt Franco Rau. „Sie reproduzieren systematisch stereotype und sexualisierte Darstellungen und spiegeln tief verankerte kulturelle Biases in den Algorithmen wider.“ Der Prompt „Beachvolleyballerin mit langen Hosen“ erzeugt Bilder, die Sportlerinnen überwiegend in knapper Kleidung zeigen. Die Bildästhetik orientiert sich eher an Werbefotografie oder Social-Media-Inszenierungen, der Algorithmus folgt einem Idealtypus: jung, durchtrainiert, normschön. Diese Abweichungen verweisen auf grundlegende Charakteristika generativer KI: Bildgeneratoren verstehen Prompts nicht semantisch, sondern erzeugen statistisch wahrscheinliche Bildmuster auf Basis ihrer Trainingsdaten. So entstehen Bildwelten, die mit der tatsächlichen Vielfalt im (Freizeit-)Sport kaum übereinstimmen.
Verschiedene Formate zur aktiven Mitgestaltung
Laut Franco Rau eignet sich die Bildgenerierung mittels KI besonders gut als Unterrichtsthema, um zum Beispiel Geschlechterbilder, mediale Präsenz und KI-Kompetenz zu reflektieren. Das Projekt verfolgt aber noch weitere Ziele und basiert auf drei zentralen Perspektiven:
• Didaktisch-interaktionsorientierte Perspektive: Wie lässt sich KI sinnvoll in Lehr- und Lernprozesse integrieren und als sozio-technisches Phänomen thematisieren?
• Technologisch-mediale Perspektive: Wie gestaltet KI Inhalte, Formate und Prozesse im Bildungsbereich und mit welchen gesellschaftlichen Erwartungen ist diese verbunden?
• Gesellschaftlich-kulturelle Perspektive: Wie können interdisziplinäre Forschungen ethische, kulturelle und soziale Dimensionen von KI in der Bildung verständlich machen?
Hierfür entwickelt das Team verschiedene Formate wie Workshops, um den KI-Einsatz aktiv mitzugestalten, Tagungen zur wissenschaftlichen Reflexion oder Ringvorlesungen. Franco Rau ist mittlerweile an die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gewechselt, bleibt aber als externer Kooperationspartner in das Projekt eingebunden.
Hier finden Sie weitere Informationen:
- Analyzing Artificial Intelligence in Education with Critical-Constructive Perspectives: The Vechta Venn, Lina Franken, Annekatrin Bock und Franco Rau. Medienimpulse, 63(1)
- Raus Aus Dem ‹Loop›! Mögliche Zukünfte für Medienbildung with(out) KI. Bock, Annekatrin, Valentin Dander und Franco Rau. 2024. MedienPädagogik, Jahrbuch Medienpädagogik 21
Fakultät I – Erziehungswissenschaften
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Fakultät II – Kulturwissenschaften
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Lehrstuhl für Schulpädagogik mit SP Digitalisierung im Unterricht
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49377 Vechta
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